Eindrücke

Predigt – Joh. 17, 21 – 26 (Neue Genfer Übersetzung)

Liebe Gemeinde!

Christi Himmelfahrt feiern wir heute – was blitzt in euch beim Wort „Himmel“ auf?

Keltischer, dreieckiger Knoten mit Herz

Vor zehn Tagen wurde in der Evangelischen Morgenfeier auf BR1 ein Meditationswort zitiert: Klopf an den Himmel und horche auf den Klang. Da höre ich Wendungen wie das ist himmlisch; himmelhoch jauchzen – also fast abgehoben glücklich sein; oder jemanden anhimmeln, wir heben sie oder ihn auf ein Podest. Himmel, da denken wir an oben, da heben wir den Kopf. Das hat sein Gutes, wenn wir es nicht übertreiben. „Ihr Männer von Galiläa“, hörten wir, „warum steht ihr hier und starrt zum Himmel hinauf?“ Wir dürfen den Himmel auch auf Erden erleben. Klopf an den Himmel ... Hören wir da die Weite, das Unendliche? Himmel – das ist nicht nur der sichtbare Himmel, das Blau, die Wolken über uns. Das ist auch Ewigkeit, das Unsichtbare, Transzendente. Früher gab es im Deutschen die Unterscheidung: „der Himmel“ – „die Himmel“. („Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ aus Haydns Schöpfung singe ich gerade als Aufgabe vom Gesanglehrer, bis zum Verinnerlichen.)

Man kann sich wie im siebenten Himmel fühlen, und das ist unirdisch schön. Warum gerade der siebente? Vielleicht wegen der heiligen Zahl Sieben.

Klopf an die Himmel und horche auf den Klang – was tun wir da? und was hören wir? Beten fällt mir ein und Sören Kierkegard. Er hat gesagt: Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, dass Beten nicht bloß Schweigen ist, sondern Hören.

Um eine Art Gebet geht es auch heute in unserem Predigttext aus Joh. 17, 21 – 26:

»Ich bete aber nicht nur für sie, sondern auch für die Menschen, die auf ihr Wort hin an mich glauben werden. Ich bete darum, dass sie alle eins sind – sie in uns, so wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin. Dann wird die Welt glauben, dass du mich gesandt hast. Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich nun auch ihnen gegeben, damit sie eins sind, so wie wir eins sind. Ich in ihnen und du in mir – so sollen sie zur völligen Einheit gelangen, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und dass sie von dir geliebt sind, wie ich von dir geliebt bin. Vater, ich will, dass die, die du mir gegeben hast, dort sind, wo ich bin. Sie sollen bei mir sein, damit sie meine Herrlichkeit sehen – die Herrlichkeit, die du mir gabst, weil du mich schon vor der Erschaffung der Welt geliebt hast. Vater, du gerechter Gott, die Welt kennt dich nicht; aber ich kenne dich, und diese hier haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Ich habe ihnen deinen Namen offenbart und werde es auch weiterhin tun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, auch in ihnen ist, ja damit ich selbst in ihnen bin.«

„Ich bete“ sagt Jesus, in der Luther-Übersetzung „Ich bitte“. Es ist dasselbe Wort im Altgriechischen. Trotz Kierkegard: Mein Beten ist in erster Linie ein Bitten. Bittet, so wird euch gegeben, klopft an, so wird euch aufgetan, sagt Jesus. Und auch wenn es offensichtlich war, hat er oft, bevor er geholfen hat, gefragt: „Was willst du, dass ich tun soll?“ Danken – ja, es ist wichtig, dass wir es nicht vergessen, dass wir nichts als selbstverständlich empfangen, und das Loben gehört dazu. Aber auf keinen Fall als Voraussetzung fürs Bitten, sozusagen zum „Einschmeicheln“. Da ist mir jetzt der Sonntag Rogate hereingerutscht, wir aber feiern heute ja Christi Himmelfahrt.

Was Jesus hier dem Vater sagt, ist für mich eigentlich kein richtiges Gebet, es ist doch eher an uns gerichtet. Ich höre in erster Linie die Verkündigung.

Wir sind angesprochen – nicht nur die Jünger Jesu, sondern alle Menschen, die durch die Jünger Christen geworden sind – also wir. Wir alle sollen, dürfen, können eins sein. Alle miteinander verknüpft. Aber nicht nur wir Menschen miteinander. Sondern auch mit Gott; ein Ineinander von Gottheit und Menschheit wird uns da vor Augen gestellt. So wie die väterliche und mütterliche Gotteskraft in Jesus ist und Jesus in der göttlichen Liebe. Beim Predigttext hat der Himmel bei mir angeklopft und etwas zum Klingen gebracht und ein Bild in Erinnerung gerufen, das ich schon öfter für die Dreieinigkeit verwendet habe. Ihr seht es auf eurem Blatt vor euch. Die Schöpferkraft und die in Jesus Mensch gewordene Gottheit und die heilige Geistkraft, die alle Menschen einbezieht – verwoben mit der göttlichen Liebe.

Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, sagte Jesus bei seiner Himmelfahrt. In unserem Wort aus dem Johannes-Evangelium erfahren wir, welche Folgen das haben kann und soll. Die Herrlichkeit, die du mir gegeben hast, habe ich nun auch ihnen gegeben, damit sie eins sind, so wie wir eins sind. Ich in ihnen und du in mir – so sollen sie zur völligen Einheit gelangen, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und dass sie von dir geliebt sind, wie ich von dir geliebt bin.

So hört sich der Himmel an. Und dann verklingt der Ton. Und ich schau mich um. Die Menschen sind, wenn überhaupt, dann höchstens eins mit sich selbst. Weltweit von Einigkeit keine Spur. Aber wären nicht alle Gottes Kinder? Und bei den Christen? Katholiken, Protestanten, Orthodoxe; griechisch, russisch, syrisch orthodox; Armenische Kirche, Kopten; Evangelische, Evangelikale, Baptisten, Methodisten, Adventisten, Presbyterianer, Pfingstler – alle eins? Nein, alle gegeneinander!

Und jetzt in der Corona-Pandemie – das Zusammenhalten, miteinander an einem Strick Ziehen, funktionierte nur ganz kurze Zeit, immer mehr wollen jetzt ihr eigenes Süppchen kochen, eigene Vorteile aus der Lage ziehen, verantwortungslos, unsolidarisch. In einer katholischen Morgenfeier wurde kürzlich der Wert der Solidarität gepriesen. Und wie wichtig sie sei – heute noch mehr als sonst. Solidarität – mehr wert als bloße Barmherzigkeit, denn Solidarität schließt die Wertschätzung mit ein, ist ein Miteinander auf gleichem Niveau. Ich finde, damit nähern wir uns dem heutigen Anspruch und Versprechen – eins sein.

Christliche Liebe geht aber noch über Solidarität hinaus. Aufeinander achthaben, füreinander sorgen, aneinander denken – lauter „einander“. Ja, davon haben wir gerade viel erlebt, doch jetzt werden schon viele müde. Wollen nicht mehr mitmachen. Protestieren, demonstrieren, verweigern Abstand und Atemschutz. Sogar in der Kirche sitzen Menschen ohne Masken, ohne Sicherheitsabstand – nicht nur Verwandte, hat mir eine Bekannte erzählt. Und der Pfarrer? Achselzucken.

Vor vielen Jahren hat einer einmal gemeint, beim Heiligen Abendmahl könne man sich eigentlich gar nicht anstecken, denn es sei ja zu unserem Heil. Das war ein Arzt. Und ich denke: Auch als Glaubender darf man Verstand und Verantwortungsbewusstsein nicht abschalten. Unser Glauben und Beten nehmen uns nicht alles ab – aber sicher helfen sie uns.

Auch wenn wir Abstand halten müssen, einander nicht berühren, nicht anlächeln können. In den Augen erkennt man ein Lächeln, in Gesten und mit Worten, auch über Entfernungen hinweg, können wir zeigen: Wir gehören zusammen, in der Familie, in der Gemeinde, in Österreich, in Europa, weltweit.

Die kommenden Monate werden uns viel abverlangen – an Solidarität, füreinander da sein, auch wirtschaftlich. Das kann uns überfordern. Und dann müssen wir anklopfen.

Klopf an den Himmel und horche auf den Klang. Hören wir den Namen der Gottheit: Vater hat sie Jesus genannt, für seine Jünger. Früher hatten sie einen anderen Namen gewusst, aber dann ehrfürchtig auf JHWH verkürzt und als „HERR“ ausgesprochen. Ich gehe davon aus, dass Gottes Geist im Spiel ist, wenn wir es heute als Jahwe verstehen, Ich Bin – Ursprung, Urmacht alles Seins. Die Ich-bin-Worte Jesu helfen uns beim Hören von Gottes Namen, damit die Liebe in uns ist, damit Gott in uns ist.

Ein alter irischer Segensspruch wurde zu einem Christuslied umgedichtet, nach der Melodie „Morning has broken“. Ich habe es, fast zufällig, in den letzten Tagen auf YouTube gefunden, der Text steht auch auf dem Blatt vor euch. Christus neben mir, vor und hinter, unter und über mir – Christus in mir. Wie das Bild kann es uns sagen:

Wir alle zusammen sind eine geliebte Einheit mit der unendlichen Schöpferkraft, die Mensch geworden ist in Jesus Christus – untrennbar ineinander verknüpft.
Amen.

 

Zwischen Himmel und Erde

Heiliger Geist als Taube

„Hier ist der Himmel auf Erden“, sagen wir in Momenten, in denen es uns rundum gut geht.

Was ist der Himmel? Die unendlich blauen Weiten über uns oder die scheinbar zeitlosen Sekunden, in denen wir glücklich sind? Wenn wir Christi Himmelfahrt feiern, erinnern wir an den Abschied Jesu von seinen Jüngern 40 Tage nach seiner Auferstehung. Er kehrt zurück zu Gott. Seit dieser Zeit ist für Christen der Himmel dort, wo Jesus Christus ist. Zwischen Himmel und Erde leben sie.

Und doch: „Was steht ihr da und schaut in den Himmel?“ Die Frage an die Jünger gilt auch uns. Im Hier und Jetzt, in unserer Gegenwart können wir etwas vom Himmel erfahren: in dem Glanz auf den Gesichtern unserer Mitmenschen, in Momenten der Freude und der Liebe, in denen wir eins sind mit Gott und Menschen.

(das-kirchenjahr.de)