Eindrücke

Liebe Glaubensgeschwister,

ihr Lieben, die sich in unserer Gemeinschaft miteinander verbunden wissen!

Ich komme unangefordert, nicht extra eingeladen, aber hoffentlich nicht ungebeten.

Ein Zitat von Dietrich Bonhoeffer ist mir in den letzten Tagen untergekommen: Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen.

Ich denke, das können wir jetzt gut brauchen. „Widerstandskraft“ soll aber nicht als körperliche Abwehrkräfte, als Immunität missverstanden werden, sondern ist als Kraft zu verstehen, mit einer Notlage, mit einer besonderen Situation fertig zu werden – z. B. wie wir sie jetzt erleben. Dazu noch ein Paulus-Zitat (Römer 8, 28): Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind.

Mir ist noch etwas untergekommen. Außer kleinere Wanderungen und Radausflüge sollen wir ja jetzt nichts unternehmen – wo doch traumhaftes Bergwetter lockt; so schaue ich mir halt – ein bisschen wehmütig – die Fotos an. Und eines möchte ich mit euch teilen:

Bild von Klettersteig

Ich finde, so ein Klettersteig hat uns auch geistlich viel zu bieten. Zuerst, als kleine Verblüffung, noch ein Bonhoeffer-Zitat: Christus ist nicht in die Welt gekommen, dass wir ihn begreifen, sondern dass wir uns an ihn klammern, dass wir uns einfach von ihm hinreißen lassen in das ungeheure Geschehen der Auferstehung.

Wir sind mitten im Passions- und Oster-Geschehen, und  das übersteigt unser Begriffsvermögen. Sondern es ist etwas zum Festhalten. Es ist etwas, das uns vor dem Abstürzen bewahrt. Wir müssen uns nicht immer daran festklammern, aber wir können uns immer damit verbinden. Und damit bin ich beim Bild. So ein Klettersteig hat ein Fixseil, das in sinnvollen Abständen mit dem Felsen verbunden ist. Als Kletterer hänge ich mich da ein, mit zwei Karabinern an zwei elastischen Seilen, die mit meinem Klettergurt verbunden sind. Immer zwei, und bei jeder Felsverankerung hänge ich aus und wieder ein, zuerst das eine, dann das andere, und immer muss eines der Seile gesichert sein; nie darf die Verbindung fehlen. Ist das nicht ein wunderbares Bild für unseren Glauben, für unser Verbundensein mit Gott? Zweifach bin ich verbunden – ich könnte das sehen, als mit Verstand und Gefühl oder mit Geist und Seele oder auch „mit Leib und Seele“ in Verbindung mit Gott zu sein.

Auch wenn wir unsere Griffe und Tritte im Felsen suchen, wir sind gesichert, es kann keinen tödlichen Absturz geben. Allein diese Gewissheit gibt uns schon Sicherheit. Das gilt aber nur, solange wir nicht beide Karabiner aushängen – aus Leichtsinn, Gedankenlosigkeit oder Hudlerei. Im Glauben heißt das: Gott vergessen, uns abwenden. Doch: Selbst wenn wir angehängt bleiben, ist ein kleiner Absturz nicht ausgeschlossen, aber immer „nur“ bis zur nächsten Seilfixierung. Die paar Meter können ganz schön schmerzhaft werden, auch wenn der Sturz durch die elastischen Seile abgefedert wird. So sind wir auch im Leben nicht vor solchen Abstürzen bewahrt. Mit einer positiven Einstellung könnten wir dann sagen: „Gut, dass ich vor noch Schlimmerem bewahrt wurde. Eigentlich ist mir gerade jetzt die Verbindung mit Gott wieder wichtig geworden.“ Wenn wir nichts riskieren und achtsam klettern, kann uns kaum was passieren, und wenn’s schwierig wird, können wir uns auch am Seil direkt anhalten, Stück für Stück am Seil hinaufhanteln. „Christus ist in die Welt gekommen, dass wir uns an ihn klammern können“, meinte Bonhoeffer – wenn’s schwierig wird in unserem Leben, können wir uns an Gott festhalten, ja noch schöner, Gott hält uns fest. Und das kann kein Fixseil.

Wenn Sie zurückdenken in Ihrem Leben – können Sie sich an solche Momente oder Zeiten erinnern, wo Sie das erlebt haben? Dass Sie feststellen durften: Hier habe ich Halt gefunden. Hier wurde ich festgehalten. Da wurde ich bewahrt. Erst vor Kurzem ist es mir wieder einmal passiert, dass mir wie ein Blitz eingeschossen ist: Da hast du nicht aufgepasst, bist leichtsinnig gewesen, das hätte böse ausgehen können. „Du hast mehr Glück als Verstand gehabt“, habe ich nicht gedacht, sondern: Da bist du bewahrt worden, danke, lieber Gott!

Ja, auch so kurze Stoßgebete halten die Verbindung aufrecht, genauso wie hin und wieder eine kurze Bitte, wenn ich gerade nicht weiterweiß. Apropos Weiterwissen. Beim selbstständigen Klettern muss ich mir normalerweise die Route einprägen. Beim Klettersteig zeigt mir das Fixseil, wo’s lang geht. Im Leben gibt mir Gott, gibt mir der Glaube Orientierung, oft auch die Richtung. Nicht immer klar und eindeutig – aber wenn’s im Verbindungsstrick recht zieht und spannt, kann ich mir doch manchmal sagen: verrenn dich nicht. Ja, manchmal hält uns Gott an der langen Leine, aber von ihm aus wird die Verbindung nie gekappt.

Dieses Gefühl, ja diese Gewissheit wünsche ich Ihnen und uns allen gerade jetzt in diesen Tagen. Auch wenn wir nicht zusammenkommen können, keine Gottesdienste feiern können: Gott ist mit uns!

Unsere Gottheit wohnt nicht in Häusern aus Stein gemacht, nicht in den Kirchen, sondern Gott ist überall – und in jeder, in jedem von uns.

Zuhause mit Holz

Ja, ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch unsichtbare Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch gottfeindliche Kräfte, weder Hohes noch Tiefes noch sonst irgendetwas in der ganzen Schöpfung uns je von der Liebe Gottes trennen kann, die uns geschenkt ist in Jesus Christus, unserem Herrn. (Paulus in Römer 8, 38.39)

Allerhand, auf was für Gedanken einen so ein Bild bringen kann. Unten hätte ich noch eines – aber damit möchte ich Sie Ihren eigenen Gedanken überlassen. Vielleicht mit angenehmer Musik.

Zum Abschied noch ein Wort aus dem Römerbrief (ich denke, es passt jetzt wunderbar):

In der Hoffnung freuen wir uns – in der Bedrängnis üben wir Geduld – am Gebet halten wir fest.

Gottes Segen, Gottes Beistand und sicheren, festen Halt wünscht Ihnen    Erich H. Hamader